Flüchtlinge auf der Bühne

Sie spielen orientalische Musik oder malen: Im Kukloch brachte die Caritas Künstler aus fremden Ländern auf die Bühne. Und zollte ihnen damit Respekt.

Witten. Wenn Ahmad Khalaf zum Mikro greift, ist schnell Stimmung in der Bude. Denn der Syrer singt beherzt Liebeslieder. Über melancholische Spaziergänge durch Aleppo, romantische Reisen zum Mund und natürlich Huldigungen an die Geliebte. Das klingt schon etwas kitschig, kommt aber an diesem Abend in Stockum gut an. Vielleicht, weil es den brutalen Krieg im Heimatland und die Flucht in die Fremde vergessen lässt – zumindest für einen kurzen Moment. Stattdessen: Party. Wer nicht mitklatscht, zückt das Smartphone, um die gute Stimmung festzuhalten: begeistertes Tanzen – zunächst in der ersten Reihe, dann auf den Stühlen.

Und der neue Popstar am Mikro? Der steht im gut besuchten Veranstaltungsraum des Kukloch, als hätte er nie was anderes getan. Dabei trällert er zwar leidenschaftlich – aber sonst eher privat: „Ich singe immer gerne, egal ob beim Kochen oder Spülen“, erzählt der 28-Jährige, der sich allerdings schon mal professionelle Nachhilfe geholt hat: „Als ich noch in Syrien war, habe ich mit einem Lehrer geübt.“ Aktuell singt der Wittener auch in einem türkischen Verein. Nebenbei macht der Familienvater ein Praktikum in einer Kläranlage und belegte an der Ruhr-Uni Bochum einen Deutschkurs für angehende Ingenieure.

Seine Frau macht ein Praktikum in einer Kita und will danach am liebsten eine Ausbildung als Erzieherin anschließen. Zudem war sie nicht ganz unbeteiligt am Auftritt ihres Mannes. Denn: „Die Lieder habe ich meiner Frau geschenkt“, verrät Ahmad Khalaf. Dabei war das Duett mit Mohammed Khaled, der am Piano spielte, gar nicht geplant. Der Musiklehrer wollte eigentlich ein Solo an den Tasten vortragen. Gelernt hat er das jedenfalls: „Ich habe am Konservatorium von Damaskus studiert“, erzählt der 26-Jährige. Sein Schwerpunkt: Orientalische Musik. Die pflegt er auch im Ruhrgebiet. So arbeitet er mit einem Orchester an einem Projekt im Haus Witten. Am 4. Dezember gibt er dort ein Konzert.

Doch wie kommt es überhaupt, dass hier so viele Künstler aus Syrien und anderen Ländern auf der Bühne stehen? „Besonders die Sozialarbeiter reden regelmäßig mit den Geflüchteten“, wie Stephanie Rohde von der Caritas berichtet. „Und wir haben in unserem Alltag immer wieder Begegnungen mit außergewöhnlichen Talenten.“ Rohde, die bei der Caritas für Integration und Migration zuständig ist, führte dann Gespräche mit der Stadt, die das Projekt mit Fördergeldern unterstützte: „Wir wollten eine Plattform bieten, um die Künstler mit ihrem Können kennenzulernen.“ Zudem sei der Abend Teil der Woche des Respekts: „Wir wollen den Menschen, die in unser Land geflohen sind, Anerkennung zollen und Vorurteile abbauen.“

Impulse für das Leben in Deutschland

Zu den zahlreichen talentierten Künstlern gehört auch Benazir Isfandior. Die 17-Jährige ist vor sechs Monaten aus Tadschikistan nach Deutschland geflohen. Aktuell lebt sie in einem Wohnheim in Fröndenberg und besucht ein Gymnasium im Kreis Unna. Nebenbei malt sie Bilder. Das habe sie auch schon vorher getan, seitdem sie in Deutschland ist, sei sie aber besonders kreativ: „Mir gefällt das einfach und bei der ganzen Aufregung, als hier alles neu war, hat es mir auch Impulse gegeben“, erzählt die Schülerin. Im Kukloch können die Besucher eine Ausstellung ihrer Porträts und Landschaftsbilder bestaunen. Die junge Malerin befindet sich damit in bester Gesellschaft mit anderen Begabten. Denn am Ende war es ein gelungener Abend mit Musik, Malerei und Lyrik.

Das geistige Erbe

„Was ist Kultur?“ Das hatte Ibrahim Bouzan, der seit einem Jahr in Deutschland lebt, in seiner Eröffnungsrede gefragt. Und die Antwort gleich mitgeliefert: „Kultur ist das geistige Erbe“, so der Elektroingenieur. Vieles von diesem geistigen Erbe wurde in das neue, fremde Land gerettet. Davon zeugt auch dieser Abend, dessen Motto lautet: „Flüchtlinge auf die Bühne“. Nicht nur „alte“ Talente treten auf, auch neue Künstler werden geboren. Ahmad Khalaf ist einer von ihnen. Er verabschiedet sich nach seinem großen Auftritt bescheiden mit Frau und Kind. Denn bald wartet wieder der Alltag auf ihn: Arbeit, Lernen, Haushalt. Aber singen wird er dabei wohl trotzdem wieder. Quelle: WAZ Witten, Autor: Benjamin Trilling, Fotos: Hartmut Claes (Caritas)