Rezept gegen Einsamkeit: Wittener Seniorin konnte in Frieden gehen
Quelle: WAZ Witten Von Jürgen Overkott, 30.09.2025
Seit einem Jahr gibt es das „Soziale Rezept“ in Witten. Caritas und ein Arzt arbeiten dabei Hand in Hand. Sie helfen Menschen mit bewegenden Schicksalen.
Einsamkeit ist die neue Volkskrankheit. Besonders betroffen ist Wittens Marienviertel. Allgemeinmediziner Dr. Kurt-Martin Schmelzer und Sozialarbeiter Rolf Kappel von der Caritas wissen das. Sie haben deshalb das „Soziale Rezept“ erfunden, das Rezept gegen Einsamkeit. Ihr Projekt hat bundesweit Aufsehen erregt. Sogar NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat sich vor Ort informiert. Das Projekt lebt von bewegenden Schicksalen.
Besonders berührt hat Kappel das Schicksal einer inzwischen verstorbenen Seniorin aus dem Quartier in Krankenhausnähe. „Es war eine arme Frau. Sie hatte nix, vielleicht ein paar hundert Euro Rente.“ Mit einem Knöchelbruch begann für sie eine Leidensgeschichte, die unerwartet doch ein glückliches Ende fand.
Seniorin liegt nach Knöchelbruch zwölf Stunden allein in Wohnung
Die alleinlebende Dame hatte sich bei einem Sturz den Knöchel gebrochen. Das Telefon war außerhalb ihrer Reichweite. Die Verletzte lag zwölf Stunden lang in ihrer Wohnung. Sie schrie um Hilfe. Schließlich hörten aufmerksame Nachbarn die alte Dame – und riefen in letzter Minute den Notarzt.
Damit war die Krankengeschichte keineswegs zu Ende. Im Krankenhaus kam heraus, dass die Seniorin ein viel größeres Problem als den Knochenbruch hatte – sie hatte Krebs. Genau in dieser Situation wurde Sozialarbeiter Rolf Kappel klar, wie wichtig seine Unterstützung für die Frau war. „Nachdem sie ihre Diagnose erhalten hatte, fragte sie mich: Herr Kappel, was ist eigentlich ein Karzinom? Die Aufklärung im Krankenhaus war eine einzige Katastrophe.“
Sozialarbeiter begleitet Wittenerin zu Arztterminen
Kappel gab nicht auf. Er begleitete die Erkrankte zu weiteren Arztterminen. Das war auch bitter nötig, wie sich herausstellte. Allein beim Anfordern eines Taxischeins mussten zuweilen bürokratische Probleme gelöst werden. „Bis zur endgültigen Diagnose war die alte Dame völlig runter. Sie konnte nicht mehr.“
Allgemeinmediziner Dr. Kurt-Martin Schmelzer organisierte auf Kappels Bitten hin eine Einweisung ins Krankenhaus. Die Versorgung der betagten Patientin fand der Sozialarbeiter dort unzureichend. „Nach fünf Tagen im Krankenhaus lag sie da immer noch in denselben Klamotten. Da habe ich mir ihren Schlüssel geben lassen und aus ihrer Wohnung neue Kleidung besorgt. Ich kam mir vor wie ein Notfallsanitäter. Das kann doch alles nicht sein.“ Leider doch.
Wittener Caritas erforscht Alltag im Marienviertel
Das Schicksal der alten Dame ist kein Einzelfall, gerade in Quartieren mit vielen alleinlebenden Menschen im Ruhestand. Das hat die Arbeit des zehnköpfigen Teams der Caritas-Stadtteilforschung ergeben. Daraus ist die Idee des „Sozialen Rezepts“ entstanden. Kappel: „Wir wissen, dass vieles im Argen liegt, aber wir betonen das Positive. Wir suchen die Kraftquellen im Bezirk.“ Dr. Schmelzer gehört dazu. „Er ist offen für soziale Projekte.“ Erste Ideen gab es 2021, mitten in der Corona-Zeit. Sie brauchten Zeit zu reifen. Vor gut einem Jahr war es so weit. Schnell ist es zu einem Erfolgsmodell geworden: So groß ist die Nachfrage nach Rat und Hilfe.
Wittener Allgemeinmediziner sieht Menschen ganzheitlich
„Unsere Möglichkeiten als Mediziner sind begrenzt, wenn man weiß, dass die Gesundheit auch von den sozialen und psychologischen Bedingungen abhängig ist“, sagt Schmelzer. Das „Soziale Rezept“ ist für ihn ein Mittel, Menschen bei der medizinischen Versorgung ganzheitlich zu sehen.
Arzt und Sozialarbeiter arbeiten inzwischen sogar räumlich eng zusammen. Rolf Kappel bittet in Schmelzers Praxis zur Sprechstunde. Mal empfiehlt er einen Besuch im Café Credo, mal Ansprechpersonen für einen Sprachkurs, mal Partner zum Kartenspielen. „Das Interessante daran ist“, freut sich der Mediziner, „dass ein Teil dieser Personen sich jetzt selbst sozial engagiert. Sie haben gemerkt: Och, das hat mir richtig gut getan.“
Darum konnte krebskranke Seniorin aus Witten in Frieden gehen
Das Projekt findet längst bundesweit Beachtung, Wissenschaftlich unterstützt und begleitet wird es von Heike Bergemann im Rahmen des Projekts „Gesunde Stadt Witten“, das von der Stadtverwaltung und Universität Witten/Herdecke getragen wird. Wie gut das „Soziale Rezept“ funktioniert, wird gerade ausgewertet. Ergebnisse sollen im März 2026 vorgestellt werden.
Fakt ist: Selbst der unheilbar krebskranken Dame aus dem Marienviertel hat das „Soziale Rezept“ geholfen. Heilung war zwar nicht mehr erreichbar, wohl aber mehr Wohlbefinden. Rolf Kappel gelang es sogar, ein Wiedersehen der Seniorin mit ihrem ebenfalls schwerkranken Sohn in Norddeutschland zu arrangieren. Die beiden hatten sich 20 Jahre lang nicht gesehen. Kurz danach starb die alte Dame. Der Sozialarbeiter vermutet: Sie ging in Frieden.